Eliot Quartett
Das Eliot Quartett eröffnet in diesem Jahr die Reihe der Bach'n'Breakfast Konzerte und führt mit Bachs "Kunst der Fuge" auf eine Reise durch Kontrapunkt, Klang und geistige Tiefe. Vor und nach dem Konzert gibt es ein Frühstücksbuffet mit Kaffee, Hefezopf und Müsli.
Kunst der Fuge BWV 1080
Johann Sebastian Bachs Kunst der Fuge zählt zu den geheimnisvollsten und zugleich vollkommensten Werken der Musikgeschichte. In dieser Sammlung von Fugen und Kanons widmet sich Bach einer einzigen musikalischen Idee und entfaltet aus ihr einen ganzen Kosmos. Am Anfang steht ein schlichtes, beinahe unscheinbares Thema: ruhig schreitend, klar gegliedert und auf das Wesentliche konzentriert. Doch gerade aus dieser Einfachheit gewinnt Bach eine nahezu unbegrenzte Vielfalt. Das Thema wird gespiegelt, umgekehrt, rhythmisch verändert, vergrößert, verkleinert und schließlich mit neuen Gedanken verbunden. Aus wenigen Tönen entsteht eine Musik von überwältigendem Reichtum.
Die Kunst der Fuge ist vermutlich in Bachs letztem Lebensjahrzehnt entstanden und blieb bei seinem Tod 1750 unvollendet. Anders als in vielen seiner übrigen Werke legte Bach keine bestimmte Instrumentalbesetzung fest. Die Stimmen sind in einer abstrakten Partiturnotation aufgezeichnet, sodass sich das Werk auf unterschiedlichen Instrumenten und in verschiedenen Besetzungen aufführen lässt. Gerade für ein Streichquartett ist diese Musik in besonderer Weise geeignet: Die vier selbstständigen Stimmen werden von vier individuellen Instrumenten getragen, die miteinander sprechen, einander widersprechen, sich verfolgen, verschränken und zu einem gemeinsamen Klang verbinden.
Bach bezeichnete die einzelnen Fugen als „Contrapunctus“. Der Begriff verweist auf den Kontrapunkt, die Kunst, mehrere eigenständige melodische Linien so miteinander zu verbinden, dass sie zugleich unabhängig und Teil einer größeren Ordnung sind. Dabei wirkt das Werk keineswegs wie eine theoretische Lehrsammlung. Jede Fuge besitzt ihren eigenen Charakter: Manche erscheinen ruhig und feierlich, andere beweglich und tänzerisch, wieder andere von großer Dichte und dramatischer Spannung. Die strenge Konstruktion wird bei Bach nicht zum Selbstzweck, sondern zum Träger von Ausdruck.
Im Verlauf des Werkes werden die kontrapunktischen Verfahren immer komplexer. Zunächst erklingt das Thema in vergleichsweise klarer Gestalt. Später wird es umgekehrt, sodass seine Bewegungsrichtungen gleichsam in einem Spiegel erscheinen. In den Doppelfugen und Tripelfugen begegnen sich mehrere Themen, die unabhängig voneinander bestehen können und dennoch vollkommen zusammenpassen. Die Kanons verdichten das Prinzip der Nachahmung zusätzlich: Eine Stimme folgt der anderen nach genau festgelegten Regeln, ohne ihre eigene musikalische Freiheit zu verlieren.
Diese Verbindung von Gesetzmäßigkeit und Fantasie macht die besondere Faszination der Kunst der Fuge aus. Bach führt vor, dass musikalische Ordnung nicht zu Erstarrung führen muss. Im Gegenteil: Je genauer die Regeln gesetzt sind, desto größer scheint der Raum zu werden, den seine Erfindungskraft eröffnet. Die Musik besitzt etwas Architektonisches, ohne jemals bloß berechnet zu wirken. Sie gleicht einem Gebäude, dessen Räume, Treppen, Spiegelungen und Perspektiven sich erst nach und nach erschließen. Zugleich ist sie von einer tiefen Menschlichkeit geprägt: von Ruhe und Bewegung, Nähe und Distanz, Gewissheit und Zweifel.
Eine besondere Stellung nimmt die letzte, unvollendet überlieferte Fuge ein. Hier führt Bach mehrere Themen nacheinander ein. Eines von ihnen besteht aus den Tönen B–A–C–H – der musikalischen Entsprechung seines eigenen Namens. Kurz nachdem dieses Motiv in das vielstimmige Geflecht eingetreten ist, bricht die überlieferte Komposition ab. Ob Bach die Fuge tatsächlich nicht vollenden konnte oder ob Teile der Fortsetzung verloren gegangen sind, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit entscheiden. Gerade dieses Verstummen hat jedoch wesentlich zur Wirkungsgeschichte des Werkes beigetragen. Der Abbruch erscheint wie eine offene Tür: Die Musik endet nicht mit einer bestätigenden Schlusswendung, sondern weist über sich selbst hinaus.
Die Kunst der Fuge ist deshalb weit mehr als eine Zusammenfassung kontrapunktischer Techniken. Sie ist Bachs große Meditation über die Möglichkeiten musikalischer Ordnung. Aus einem einzigen Thema entwickelt er eine Welt, in der Einheit und Vielfalt keine Gegensätze bilden. Jede Stimme bewahrt ihre Eigenständigkeit und trägt zugleich Verantwortung für das Ganze. So entsteht Musik, die gleichzeitig rational und emotional, streng und frei, historisch und zeitlos erscheint.
Wer sich auf dieses Werk einlässt, erlebt keine Abfolge äußerer Effekte, sondern einen Prozess fortschreitender Vertiefung. Das anfänglich vertraute Thema wird immer wieder neu beleuchtet, befragt und verwandelt. Mit jeder Fuge verändert sich der Blick auf das bereits Gehörte. Die Kunst der Fuge fordert Aufmerksamkeit, belohnt Sie aber mit einem seltenen Hörerlebnis: Man kann verfolgen, wie Musik denkt – und zugleich erfahren, wie aus höchster gedanklicher Konzentration eine unmittelbare, bewegende Klangsprache entsteht.
Kaufen Sie einen FestivalPass, um Zugang zu all unseren Veranstaltungen zu erhalten, oder einen OpenerPass für die Veranstaltungen am Eröffnungswochenende.
FestivalPass
Der Festivalpass beinhaltet den Eintritt zu allen Konzert- und Kursveranstaltungen des vieklang.
OpenerPass
Mit dem OpenerPass können Sie alle Veranstaltungen am Eröffnungswochenende des vielklang besuchen.