Kammerkonzert

Kammerkonzert
Datum3 Sep. '26
Uhrzeit
19:30 — 22:00

Programm

Signum Quartett

Von Haydns lichtem „Traum“-Quartett über Abel Selaocoes eindringliches *Umthwalo* bis zu Ravels farbenreichem Streichquartett spannt das Signum Quartett einen Bogen zwischen klassischer Eleganz, historischer Erinnerung und klanglicher Sinnlichkeit.

  • Florian Donderer Violine
  • Annette Walther Violine
  • Xandi van Dijk Viola
  • Thomas Schmitz Violoncello
  1. Joseph Hayden

    1732-1809

    Streichquartett F-Dur, op. 50,5 "Der Traum"

    • Allegro Moderato
    • Poco Adagio
    • Menuet - Trio
    • Finale: Vivace
  2. Abel Selaocoe

    *1992

    Umthwalo

  3. Pause
  4. Maurice Ravel

    1875-1937

    Streichquartett F-Dur

    • Allegro moderato. Très doux
    • Assez vif. Très rythmé
    • Très lent
    • Vif et agité
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      Traum, Erinnerung und gemeinsamer Klang

      Drei Streichquartette, drei musikalische Welten und eine zentrale Frage: Wie können vier individuelle Stimmen zu einem gemeinsamen Ausdruck finden? Das Signum Quartett verbindet Joseph Haydns Streichquartett F-Dur op. 50 Nr. 5 „Der Traum“, Abel Selaocoes Umthwalo und Maurice Ravels Streichquartett F-Dur zu einem Programm, das von klassischer Gesprächskunst über die Auseinandersetzung mit historischer Verantwortung bis zu den schillernden Klangfarben der französischen Moderne führt.

      Joseph Haydns 1787 entstandenes Streichquartett F-Dur op. 50 Nr. 5 gehört zu jener Werkgruppe, in der der Komponist das Streichquartett endgültig als Dialog vier gleichberechtigter Stimmen gestaltet. Bereits im ersten Satz entwickelt sich aus einem scheinbar einfachen, heiteren Beginn ein fein gearbeitetes musikalisches Gespräch. Kleine Irritationen, überraschende harmonische Wendungen und motivische Einwürfe setzen den musikalischen Verlauf immer wieder neu in Bewegung. Haydns Witz zeigt sich dabei nicht als äußerlicher Effekt, sondern als Kunst des unerwarteten Perspektivwechsels.

      Seinen Beinamen „Der Traum“ verdankt das Quartett dem langsamen zweiten Satz. Über einer ruhig schwebenden Begleitung entfaltet die erste Violine eine innige, beinahe entrückte Melodie. Die Zeit scheint für einen Moment stillzustehen; vertraute musikalische Konturen verlieren ihre Schärfe und öffnen einen Raum zwischen Erinnerung und Imagination. Menuett und Finale führen anschließend wieder in eine bewegtere, von rhythmischem Esprit und lebendiger Kommunikation bestimmte Klangwelt zurück.

      Im Zentrum des Programms steht mit Umthwalo ein Werk des südafrikanischen Cellisten, Sängers und Komponisten Abel Selaocoe. Das Wort „Umthwalo“ bezeichnet eine schwere Last – eine Last, die getragen werden muss. Gemeint ist die historische Belastung Südafrikas durch Kolonialismus, Apartheid, Gewalt und den über Generationen wirkenden Verlust von Vertrauen. Die Komposition fragt jedoch nicht allein nach der Vergangenheit, sondern vor allem nach den Möglichkeiten von Heilung: Wie kann eine Gesellschaft ihre Geschichte anerkennen, ohne von ihr dauerhaft gefangen zu bleiben? Wie können Menschen wieder aufeinander hören? Und welche Rolle können Erinnerung, Spiritualität und gemeinsames Singen dabei spielen?

      Selaocoe versteht musikalische Tradition nicht als unveränderliches Erbe. Unterschiedliche kulturelle und historische Schichten begegnen einander, geraten in Konflikt und werden neu zusammengesetzt. Besonders prägend sind Anklänge an die südafrikanische Kirchenmusik und ihren vierstimmigen Harmoniegesang. Diese musikalische Sprache entstand selbst aus der Begegnung verschiedener Einflüsse: Formen des europäischen Kirchengesangs wurden übernommen, verändert, umgedeutet und zu etwas Eigenem gemacht. Selaocoes künstlerische Arbeit verbindet dabei afrikanische und westliche Traditionen, Improvisation, Gesang, Rhythmus und klassische Instrumentalpraxis.

      In Umthwalo kann gemeinsames Singen zu einem Akt der Verständigung werden. Die Stimmen finden zusammen, trennen sich wieder und erzählen eigene Geschichten. Am Ende steht die Idee „Simunye“ – „Wir sind eins“. Diese Einheit bedeutet nicht, Unterschiede aufzulösen oder historische Konflikte zu überdecken. Sie entsteht vielmehr aus der Bereitschaft, einander wahrzunehmen und für einen gemeinsamen Moment denselben musikalischen Raum zu teilen. Das Werk wurde vom Signum Quartett und der Kölner Philharmonie in Auftrag gegeben und durch die Ernst von Siemens Musikstiftung gefördert. Es entstand im Zusammenhang mit einem Projekt des Ensembles, das sich dreißig Jahre nach dem Ende der Apartheid mit südafrikanischen Erfahrungen und Perspektiven auseinandersetzt.

      Maurice Ravels einziges Streichquartett bildet den Abschluss des Abends. Der Komponist schrieb es zwischen Ende 1902 und Frühjahr 1903; im März 1904 wurde es erstmals öffentlich aufgeführt. Obwohl Ravel noch am Beginn seiner Laufbahn stand, zeigt das Werk bereits jene außergewöhnliche Sensibilität für Klangfarben, instrumentale Texturen und formale Balance, die später zu einem Markenzeichen seiner Musik werden sollte.

      Der erste Satz verbindet klassische formale Klarheit mit fließender, atmosphärisch dichter Melodik. Im zweiten Satz verwandeln rasche Pizzicati die vier Streichinstrumente beinahe in ein großes Zupfinstrument: Rhythmen springen zwischen den Stimmen hin und her, Klangflächen blitzen auf und verschwinden wieder. Darauf folgt ein langsamer Satz von großer Innerlichkeit, in dem sich einzelne Stimmen aus einem geheimnisvoll schwebenden Klanggrund lösen. Das Finale bündelt schließlich die zuvor entwickelten Energien zu einem bewegten, rhythmisch zugespitzten Abschluss. Themen und klangliche Gesten der vorangegangenen Sätze erscheinen erneut und verleihen dem Werk trotz aller Vielfalt eine innere Geschlossenheit.

      So entsteht ein Programm, das weit mehr verbindet als drei Werke für dieselbe Besetzung. Bei Haydn wird das Quartett zum geistreichen Gespräch, bei Selaocoe zum Raum gemeinsamer Erinnerung und möglicher Heilung, bei Ravel zu einem schillernden Organismus aus Farben, Rhythmen und wiederkehrenden Gedanken. Vier Stimmen bleiben individuell und können dennoch eine gemeinsame Sprache finden – vielleicht liegt gerade darin die besondere Aktualität dieses Konzertabends.

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